Wohnungsmangel versus leerstehende Büroräume

Wohnungen statt Leerstand

Bürogebäude Lichtstraße 25, Köln - Wohnungsmangel versus leerstehende Büroräume - © Raimond Spekking / CC BY-SA 4.0

In Deutschland fehlen bis zu 1,4 Millionen Wohnungen. Gleichzeitig sind die Mieten in den Großstädten in den letzten zehn Jahren um fast die Hälfte gestiegen, in Berlin sogar um 70 Prozent. Laut Deutschem Mieterbund fürchtet fast jede dritte Mieterin und jeder dritte Mieter, sich die eigene Wohnung bald nicht mehr leisten zu können.
Die Wohnkrise in deutschen Städten verschärft sich immer weiter und stellt eine Gefahr für den sozialen Frieden dar. Ein Lösungsansatz wird dabei viel zu wenig beachtet: die Umnutzung leerstehender Büros.

Während viele Menschen nach einer geeigneten Wohnung suchen, stehen in Deutschland 12,5 Millionen Quadratmeter Büroflächen leer. Eine Fläche so große wie die komplette Innenstadt einer Großstadt. Gerade in den zehn größten Städten, also dort, wo die Wohnungsnot am größten ist, reihen sich leere Bürogebäude aneinander.

Vier Grüne wollen das ändern.

Mayra Vriesema, grüne Bundestagsabgeordnete aus Schleswig-Holstein.

Wohnungsmangel versus leerstehende Büroräume – dieser Widerspruch ist so offensichtlich wie unnötig. Auf der einen Seite suchen viele Menschen dringend nach günstigem Wohnraum, auf der anderen Seite stehen Gebäude, die niemandem nutzen und die bisher niemand nutzen kann.

Der massive Leerstand ist kein Zufall. Er ist das Ergebnis einer Marktlogik, die Spekulation belohnt. Gewerbemieten liegen weit über den stärker regulierten Wohnmieten, weshalb viele Investor*innen auch weiterhin Büros bauen, obwohl der Bedarf längst gedeckt ist. Viele rechnen mit steigenden Grundstücks- und Bodenpreisen, oder hoffen auf lukrative Verkäufe. Ob die Gebäude in Zukunft genutzt werden, scheint dabei zweitrangig. Für die Städte bedeutet das, dass Flächen ungenutzt bleiben, die dringend gebraucht werden. Gleichzeitig fehlen den Bürger*innen dadurch Wohnungen, obwohl der Platz längst da wäre. Denn das Potenzial, das in diesem Leerstand steckt, ist riesig.

Werner Graf, grüner Bürgermeisterkandidat für Berlin.

Der massive Leerstand ist kein Zufall. Er ist das Ergebnis einer Marktlogik, die Spekulation belohnt. Selbst konservative Schätzungen des renommierten Pestel-Instituts gingen bereits vor sieben Jahren davon aus, dass durch die Umwandlung des Büro- und Verwaltungsleerstands mehr als 350.000 neue Wohnungen entstehen könnten. Heute, mit noch mehr leerstehenden Flächen, ist das Potenzial vermutlich deutlich größer. Bei aktuell 1,4 Millionen fehlenden Wohnungen könnte durch Umnutzung jede vierte benötigte Wohnung geschaffen werden.

Diese Rechnung ist keine utopische Vision: laut dem aktuellen Bundesbaukulturbericht wollen 88% der Menschen neuen Wohnraum vor allem auf ungenutzten Büroflächen entstehen lassen. Die gesellschaftliche Akzeptanz ist also da. Woran es bisher mangelt, ist der politische Wille.

Um die Wohnraumkrise in den Griff zu bekommen, setzen die schwarz-rote Bundesregierung wie der schwarz-rote Senat in Berlin den alleinigen Fokus auf Bauen, Bauen, Bauen, der Effekt dieser Strategie lässt auf sich warten. Die Mieten steigen unaufhörlich weiter und es fehlen weiterhin hunderttausende Wohnungen. Die Umnutzung bestehender Gebäude löst mehrere Probleme gleichzeitig: Sie spart CO2, nutzt bereits bebaute Flächen und erhält städtische Grünräume.

Katharina Schulze, Fraktionsvorsitzende der Grünen im Bayerischen Landtag.

Drei Maßnahmen könnten hier den Unterschied machen:

Erstens: Büroleerstand muss finanziell unattraktiv werden. Wer Gebäude aus spekulativen Gründen leerstehen lässt, während Menschen keine Wohnung finden, handelt gegen das Gemeinwohl. Kommunen haben teils schon wirksame Instrumente an der Hand, um Leerstand zu erfassen und mit Abgaben zu belegen. Denkbar ist der Abbau von steuerlichen Vorteilen für Büroleerstand. Geprüft werden muss außerdem, inwiefern die Grundsteuer C angepasst werden kann, damit in Gemeinden mit angespannten Wohnungsmärkten zusätzliche steuerliche Instrumente gegen unbebaute Grundstücke zur Verfügung stehen.

Zweitens: Umnutzung muss besser gefördert werden. Das Bundesförderprogramm Gewerbe zu Wohnen muss finanziell aufgestockt, erweitert und verlängert werden. So kann sichergestellt werden, dass sich der Umbau für Gebäudeeigentümer*innen auch finanziell lohnt und der entstandene Wohnraum gemeinwohlorientiert und bezahlbar vermietet werden kann. Auch müssen wir die Baunutzungsverordnung ändern: Wohnungen müssen auch in ausgewiesenen Gewerbegebieten möglich sein.

Drittens: Sperrige Bauvorschriften, die Umbau aktuell erschweren, müssen angepasst werden.  Die Umwandlung von Büros zu Wohnungen ist technisch anspruchsvoller als ein Neubau auf der grünen Wiese. Aber sie ist machbar, wenn die Rahmenbedingungen stimmen. Es braucht vereinfachte Genehmigungsverfahren und angepasste Bauvorschriften. Die Weiterentwicklung der Musterbauordnung zu einer Umbauordnung kann dabei ein Anfang sein.

Belit Onay, grüner Oberbürgermeister von Hannover.

Eine Frage der PrioritätenWohnungsnot entsteht nicht durch Zufall. Sie ist das Produkt von Gesetzen, Subventionen und Versäumnissen. Was politisch geschaffen wurde, lässt sich politisch korrigieren. Wenn man es damit ernst meint.

Quelle: grünblog

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